Florian Richter: Was ist Realität?

Florian Richter, „Cima Bulla“, 2015

Das Licht formt Inhalt und Struktur und ist die Grundvoraussetzung für Werke, die man eher lichtbildnerische als fotografische Arbeiten nennen möchte. Man sieht diesen Aufnahmen von Florian Richter ein langes und intensives Nachdenken über das Wesen von Realismus in Fotografie und Malerei an, und Richter hat sich im Zuge dieser Auseinandersetzung auch klar entschieden: mit seinen stillen, menschenleeren Aufnahmen sieht er sich in der Tradition der großen Landschaftsmalerei – er malt, zeichnet und radiert mit der Kamera.

Es gibt Aufnahmen, die Pastellkreide- oder Kohlezeichnungen so ähnlich sehen, dass man ihre Oberfläche nicht zu berühren wagt. Dieser Eindruck wird durch die Entscheidung für ein schweres Büttenpapier unterstützt, auf dem die Struktur des Gestalteten ganz anders steht als auf herkömmlichem, glatten Papier. So führen diese Aufnahmen in die verborgene Welt der Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen. Auch wenn der Mensch in ihnen nicht vorkommt, so ist seine Rolle als Betrachtender nicht zu unterschätzen. Bilden diese Aufnahmen doch eine Resonanzfläche für das Nachdenken über das Wesen von Landschaft und das Erleben von Natur. Während sich der Ort der Aufnahme zu einem Moment des sinnlichen Erfassens zusammenzieht, eröffnet sich dem Betrachter ein weiter Interpretationsraum. Von den eher grafisch aufgefassten, schwarz-weißen Winterlandschaften schweift der Blick zu warmen, sommerlich grünen Hügelzügen und schließlich zu extrem malerischen, stimmungsvoll aufgeladenen Aufnahmen in Florian Richters Kompendium. Eines wird beim Betrachten dieser Arbeiten unmissverständlich klar: Florian Richter geht es immer um Rhythmus und Struktur, um die Eigenheiten einer Landschaft, die aber weniger mit der Wiedererkennbarkeit oder Topografie als mit der Erscheinungsform eines Ortes zu tun haben.

Florian Richter, „Winterwald I-III“, 2011

Seine Arbeiten entstehen mit einer analogen Kamera und werden auf Negativfilme oder Polaroids belichtet. Für ihn ist das nicht unerheblich, denn so wird die Beute seiner Streifzüge durch die Natur erst nach der Rückkehr im Atelier eingescannt, leicht bearbeitet und schließlich ausgedruckt. Damit schafft sich Florian Richter eine zeitliche Distanz zum Erlebnis, lässt die Macht der Erinnerung neue Schwerpunkte setzen. Schließlich sucht er nicht das Vorhandene zu dokumentieren, sondern kreist um die Frage, welche Vorstellung, welche Idee von Landschaft wir in uns tragen. Anders ausgedrückt: Mit diesen lichtbildnerischen Ereignissen erschafft er kein Abbild der Wirklichkeit, sondern rückt die individuelle Wahrnehmung ins Zentrum seines Interesses. Dieses Spiel mit dem Wahrheitsgehalt von Fotografie wird in der dreiteiligen Serie „Winterwald“ von 2011 auf die Spitze getrieben. Zwei Bilder zeigen wahrhaftig durch das Objektiv der Kamera gesehene Bäume, die dritte Aufnahme könnte ebenso entstanden sein, ist sie aber nicht. Sie besteht aus einer formal absolut überzeugenden, doch rein synthetischen Mischung aus den beiden Bildern. So beschert uns Florian Richter mit seinen Arbeiten eine völlig neue Sichtweise auf das Sujet „Landschaft“ und die Möglichkeiten der Fotografie. Zeitliche und räumliche Aspekte treten in den Vordergrund, lösen sich von dem, was sich vor der Linse der Kamera befindet und formen eine neue Art der Realität. Das dabei entstandene Bild lässt sich nicht festlegen, es ist Malerei und Zeichnung und Fotografie, es ist das, was wir bei der Betrachtung in uns finden. Was also ist Realität?

Antje Lechleiter

Florian Richter, Jahrgang 1968, lebt mit seiner Familie in Berlin​. Seine eindrücklichen Landschaftsfotografien entstehen vor allem im Schwarzwald und in den Schweizer Alpen.

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(c) Klaus Weddig 2013

Florian Richter setzt anabell für die Ordnung seiner eigenen Werke, für die Vorbereitung von Ausstellungen und die Konzeption von Hängungen ein.